Der Kurzgeschichten-Adventskalender – Geschichte 20: Frohe Weihnachten?

Innerhalb des Deutschunterrichtes der Einführungsphase werden meistens im ersten Halbjahr Kurzgeschichten besprochen. Der Deutschkurs von Andrea Brack hat in diesem Jahr die Zeit vor den Herbstferien genutzt, um in einer Kurzgeschichten-Werkstatt kreativ zu werden. So ist dieser Adventskalender entstanden. 24 Kurzgeschichten, in denen die Schülerinnen und Schüler versucht haben, die Merkmale dieser schwierigen Textsorte anzuwenden, statt sie immer nur zu analysieren und zu interpretieren.

Viel Spaß beim Lesen und eine besinnliche Vorweihnachtszeit wünscht der EF GK 2 Deutsch (Schuljahr 2017/2018)!

 

 

„Er wird nicht kommen, Liebes“ Draußen schneite es. Leichter Nebel hing in der Luft. Obwohl der Himmel bereits dunkel war, leuchtete die hellerleuchtete Stadt durch das Fenster der Wohnung im siebten Stock. Auch die Wohnung strahlte hell wie die Sonne: Lichterketten hingen an der Wand, der Weihnachtsbaum erhellte das gesamte Wohnzimmer und strahlte gute Laune aus, während mein Gesicht das Gegenteil versprach. Die Worte meiner Mutter schallten durch meinen Kopf, meine Augen füllten sich mit Tränen.

„Dein Vater wird heute Abend nicht hier sein“, wiederholte meine Mutter. Der Geschmack von Salz machte sich in meinem Mund breit, vermischte sich mit dem von Zimtplätzchen. Keine gute Mischung. Stumm saß ich da, auf dem kalten Stuhl. Am Esstisch. Bemerkte gar nicht, dass ich meiner Mutter keine Antwort gab. Herrschte vollkommene Stille. Doch meine Mutter unterbrach sie. Schon wieder. Nicht ich.

„Wir machen uns trotzdem ein schönes Fest, dein Vater hätte es so gewollt“ – „Sprich nicht so von ihm, als wäre er schon tot!“ Meine Stimme klang kratzig, als würde man das Eis auf den Windschutzscheiben eines alten VW’s weg kratzen. Ein trauriger Blick ihrerseits wurde von meinem nassen Blick erwidert.

Stille. Ein lautes Geräusch. Der Braten war fertig. Seufzend stand die plötzlich zerbrechlich aussehende Frau auf, die gegenüber von mir Platz genommen hatte, und verschwand in der Küche. Der Tisch im Esszimmer war bereits gedeckt; drei Teller, drei Gabeln, drei Messer und drei Gläser. Dazu eine Flasche Wein und der vollständig leuchtende Adventskranz. Meine Mutter riss mich aus meinen Gedanken, dunkel wie eine Sonnenfinsternis, indem sie das dampfende Fleisch auf den Tisch stellte und das Geschirr klirren ließ. Jedoch verspürte ich keinerlei Hunger. Nicht mehr. Erneut tauchte ich in meine selbst erschaffene Gedankenwelt ab, weg vom Essen. Mein Kopf kilometerweit entfernt, wie der Sternenhimmel vorm Fenster, den man vor lauter Weihnachtsschmuck der Stadt nicht mehr sehen konnte.

Grässlich. Weihnachten war grässlich. Genau wie Ostern, Geburtstage, Hochzeiten.

„Schatz?“ Erneut wurde ich aus meiner Welt gerissen, zurück in die Realität, die mich messerscharf traf. Doch es war nicht die fragende Stimme meiner Mutter, die mich meinen Gedanken entriss. Es war das vertraute Geräusch der sich öffnenden Wohnungstür und das Klirren eines Schlüssels. Hoffnung keimte in mir auf wie die Flamme einer Adventskranzkerze. Sich nähernde, schwere Fußstapfen. Ich blickte zur Tür, wo Sekunden später der vertraute Mann in der Uniform auftauchte. Wunden zierten sein Gesicht, doch er zeigte weder Schmerzen, noch Trauer. Viel eher wirkte er zufrieden, als er sich mit einem Lächeln auf den Lippen auf meine Mutter und mich zu bewegte. Glücksgefühle explodierten in mir wie Feuerwerkskörper. Diesmal waren es Freudestränen, die versuchten, dass Feuerwerk zu löschen.

„Wolltet ihr Weihnachten wirklich ohne mich verbringen?“

 

Kurz vor Weihnachten. Die Eltern waren gerade auf dem Weg in die Stadt, um Weihnachtsgeschenke zu besorgen. Ihr Sohn wollte ihnen eine Freude machen und hatte vor, den Weihnachtsbaum für sie zu schmücken. Bunte Kugeln, Lichterketten, Krippenfiguren. Auf dem Weg in die Stadt kam ihnen ein Feuerwehrauto entgegen. Es brennt so schön, Kerzen. Gerade als die Eltern sich darüber unterhielten, was sie ihrem Sohn und den Großeltern kaufen wollten, fiel dem Vater ein, dass der Sohn doch den Baum schmücken wollte. Sie waren noch nicht weit von ihrem Haus entfernt. Vorsichtshalber rief die Mutter den Sohn an, um sicher zu stellen, dass alles in Ordnung war, doch der Sohn ging nicht ans Telefon. Weihnachtsmusik. War etwas passiert? Ging es ihm gut? Sie beschlossen lieber sofort zurückzufahren. Als sie in ihrer Straße angekommen waren, kamen sie nicht weiter, da die Straße gesperrt war.  Großer , schöner Weihnachtsbaum. Feuerwehrautos und Polizeiwagen versperrten den Weg. Sie stiegen aus und rannten das letzte Stück zu ihrem Haus. Jingle Bells und Plätzchenduft. Feuerwehrmänner in Nachbars Garten. Die Mutter stürmt plötzlich herein und weint. So schön ist der fertig geschmückte Weihnachtsbaum.

 

 

Oliver und Nicole schmücken den Weihnachtsbaum. Wie jedes Jahr. Eigentlich lieben sie es. Aber dieses Jahr ist alles anders. Der Raum duftet nach Tannennadeln, im Radio läuft Weihnachtsmusik und alles ist festlich geschmückt, wie jedes Jahr. Doch dieses Jahr fühlt sie sich nicht wohl. Oliver pfeift zur Musik und tut so, als ob alles in Ordnung wäre. Doch sie weiß es. Weiß es schon sehr lange, aber will nichts sagen. Tausend Gedanken gehen ihr durch den Kopf. Gerne würde sie seine Hand nehmen und spüren, dass alles gut ist. Oliver öffnet die Tür zum Garten und sagt: „Wir müssen frische Luft reinlassen. Damit wir atmen können“. Doch es ist kalt. Eiskalt. Er nimmt sie in den Arm und sie sitzen so da, ohne miteinander zu sprechen. Doch sie weiß, was er denkt und er weiß, was sie denkt. Der Himmel ist schwarz. Und kein Stern am Himmel. Nicole zittert. „Lass uns reingehen“, sagt sie. Doch er will draußen bleiben. Will noch eine Zigarette rauchen. Nicole lässt ihn stehen, geht zurück zum Tannenbaum und schmückt diesen weiter, als ob nicht nichts gewesen sei. Denn morgen ist auch noch ein Tag. „Verschieben wir es auf morgen!“

 

Frank parkte. Das Auto. In der Seitenstraße. Kalt. War es geworden. Dachte er. Für sich. Während er. Mit… Der kleinen Tasche. Zum Elternhaus. Stampfte. Erinnerungen… Schon beendet. Als ihm. Bewusst wurde. Bald 40 Jahre alt. Verbrachte. Weihnachten. Bei seinen Eltern! Schämte sich. Nichts besseres… Zu tun? Er Schnaubte. Anna hatte Schluss gemacht. Mit ihm. Vor… Einem Monat. Nach einem heftigen Streit. Wie immer. War es dabei um ihn gegangen… Besser gesagt. Seine Freiräume. Wie er es nannte…du änderst dich nie! Der Satz. Hatte gesessen. Ich soll dich. Nicht einängen. Erklärst du mir. Immer wieder. Damit du. Fremdgehen kannst. Ständig. Glaubst du… Ich wüsste nichts. Von den Affären! Frank leutete. Seine Mutter. Öffnete die Tür. Eine Umarmung. Sie freute sich. Wenigstens jemand. Der Hund bellte. Begrüßte ihn. Und der Vater. Pustete. Kam ihm. Entgegen… Fruchtbar dachte Frank. Aber was… Hätte er. Machen sollen? Er wollte. Seine Ruhe. Er wollte nicht. Mit seinen Freunden. Reden darüber. Warum Anna ihn verlassen hatte. Wie manche zuvor… Nun trinkt er sich ein Käffchen mit. Mutter fragte warum so mürrisch. Frank rückte endlich mit der Sprache raus.

Ich starre den Teddy an, den ich von ihm zu Weihnachten bekommen habe. Das gesamte Kaufhaus ist weihnachtlich geschmückt, viele Eltern die ihren Kindern Geschenke kaufen. Ich gehe in meinen alten Lieblingsladen. Wie schnell die Zeit vergeht. Da sehe ich sein Lieblingsparfüm. Wie gut es doch zu ihm passt. Er würde sich darüber freuen. Seine kleine Schwester hat bald Geburtstag. So eine Liebe. Als ich die Barbies sah, musste ich sofort an sie denken. Ich nehme mir zwei und lege sie in den Einkaufswagen zu dem Parfüm. Plötzlich sehe ich ihn kommen. Mit ihr.
Ich kann mich nicht bewegen. Er sieht mit einem verwirrten Blick das Parfüm im Einkaufswagen an. Ich bin wie gelähmt. Ich blicke schnell auf mein Handy. Was tu ich hier bloß? Warum wollte ich ihm was schenken? Er hat mich schon vor Jahren verlassen. Ich sollte ihn endlich mal vergessen. Warum hänge ich so an ihm? Sie lässt alles stehen und liegen und rennt aus dem Kaufhaus. Es stürmt. Ich Regen blickt sie nicht nach vorne. Sie sah es nicht kommen.

Es schneit. Schnee. Es sieht alles so friedlich aus. Alles scheint so schön. Doch ist es das auch? Meine Augen sind rot angeschwollen, so als hätte ich tagelang geweint. Vielleicht ist es auch so. Wer weiß das schon.

Meine Eltern definitiv nicht. Oder eher ist es ihnen egal. Ich bin ihnen egal. Ich bin unwichtig. Für meine Eltern, nein für jeden. Keiner interessiert sich für mich. Niemand sieht die blauen Flecken überall an meinem Körper, die Wunden und Narben. Niemand sieht sie oder will sie sehen. Heute habe ich neue bekommen. Mein Weihnachtsgeschenk. Jedes Jahr dasselbe. Schmerzen. Schmerzen durch meine Eltern, durch mich selbst. Immer wenn sie sich streiten, immer wenn sie besoffen sind. Sie wollen mich leiden sehen. Genau wie meine Schwester. Meine Augen füllen sich erneut mit Tränen, die meine Wange hinunter laufen und schließlich in die Tiefe fallen. Genau wie meine Schwester letztes Jahr. Sie fiel. Diese Brücke hinunter, an der ich gerade stehe. Nicht mal ich konnte sie aufhalten. Sie konnte nicht mehr. So wie ich jetzt nicht mehr kann. Niemand würde mich vermissen. Es gibt nur eine Person, die mir das Gefühl gegeben hat, wichtig zu sein. Die immer für mich da war. Die mir immer Hoffnung gemacht hat. Die einzige Person die mich zum Lachen gebracht hat. Sein Name ist…Marcel. Doch selbst er hat genug von mir und meldet sich seit Tagen nicht mehr. Er wohnt weit weg.

Soll ich springen? Es würde meine Schmerzen lösen. Sie auslöschen. Genau wie mich. Und niemanden würde es interessieren. Ich springe. Das beste Geschenk, was ich meinen Eltern machen kann, das beste Geschenk was ich jedem machen kann.

Eine kalte Schneeflocke landet auf meiner Hand. So klein und zart, wunderschön und so schnell weg wie sie gekommen ist. Hinter mir höre ich Schritte. Passanten die ihren Weihnachtsabend genießen. Die schönste Zeit des Jahres.

„Mai, frohe Weihnachten.“ höre ich eine mir bekannte, freundliche, männliche Stimme hinter mir sagen. Bevor ich mich umdrehen kann, fühle ich eine warme Umarmung.

„Ich liebe dich und ich bleibe bei dir. Solange du mich brauchst, solange du mich aushältst.“

Wieder fange ich an zu weinen. Doch diesmal waren es Freudentränen.

„Frohe Weihnachten.“ flüstere ich leise und leicht lächelnd in mich hinein.

 

 

Wir bekommen einen Tannenbaum geschenkt, kannst du das glauben? Einen Tannenbaum vom Autohaus!“, sagte er, nachdem er ein Auto gekauft hatte. „Wie einen Tannenbaum? Einen echten?“, wollte seine Frau erstaunt wissen. „So wurde es mir vom Verkäufer versprochen. Ein netter Mann, etwas dümmlich vielleicht, aber hey, jetzt haben wir sowohl einen schicken Schlitten als auch eine Tanne für Weihnachten.“ Er ließ sich mit einer noch zusammengefalteten Tageszeitung auf dem Sofa nieder und begann die schwarzen Buchstaben mit den Augen zu überfliegen. Autounfall auf der A2. Schneesturm in New York. Grizzlybär überrascht deutsche Touristen in Kanada. Seine Frau brachte Kaffee mit, zwei, drei Stückchen Zucker und ein paar selbstgebackene Plätzchen. Die Enkel hatten sie liebevoll dekoriert, mit Zuckerguss und Streuseln. Lecker schmeckten sie, auch wenn es sich immer wieder seltsam anfühlte, seiner Keksversion den Kopf abzubeißen.

Am nächsten Tag sollte er ihn auch schon abholen, seinen Tannenbaum.

Ob er wohl schon den ganzen weihnachtlichen Baumschmuck aus dem Keller holen sollte? Naja, morgen würde es wohl auch reichen. Also fuhr er am nächsten Tag zum Autohaus. Seine Gedanken kreisten um das schöne weihnachtliche Schmücken des Baumes mit der ganzen Familie. Ob es auch dieses Mal wieder ein toller Spaß werden sollte? Als er an seinem Ziel ankam, begegnete ihm der Verkäufer. Auch dieses Mal wirkte er nicht sonderlich intelligent auf ihn. Aber was genau er von ihm halten sollte, wusste er nicht. Er fragte ihn, ob er ihm beim Tragen des prachtvollen Baumes helfen könnte, aber dieser lachte nur und betrachtete ihn mit einem ernüchternden Blick. Als er ihm einen Zwerg von einem Baum zeigte, sah man ihm seine Enttäuschung an. Mit so einem Zwerg eines Baumes hätte er nicht gerechnet. Und mit so einem Baum musste er nun nach Hause fahren.

Ich dachte, Sie würden mir einen mächtigen Tannenbaum schenken. Einen mit der Spitze bis zur Decke. Einen wofür man nicht genug Kugeln zum Schmücken hat. Einen, den man mit der ganzen Familie, den ganzen Tag, bei leiblichen Essen von Kuchen schmücken kann.“

Der etwas unbegabt wirkende Autoverkäufer schmunzelte nur und antwortete:

Wenn wir jedem treuen Autokäufer einen so prächtigen Baum schenken würden, wären wir arm. Wo hätten wir eine solche Anzahl von Bäumen aufbringen sollen?“

Also fuhr er immer noch ein wenig enttäuscht in dem extra großen Auto nach Hause. Zu Hause angekommen rief er seine Frau mit einem hilfesuchenden Schrei. Sie sollte doch mal bitte rauskommen, um ihm bei dem Tannenbaum zu helfen. Nach zwei oder auch dreimaligem Rufen kam sie endlich.

Mit ihren Augen blickte sie den wenig zierlichen und kaum sichtbaren Tannenbaum an.

Und das soll unser Tannenbaum für dieses Jahr sein? Dieser Baum wurde uns geschenkt?“, entgegnete sie ihm mit einem Blick, in dem man ihre gescheiterte Hoffnung sehen konnte. Plötzlich stürmten ihre Kinder die Treppe runter.

Wow!“, riefen sie im Chor und hüpften aufgeregt um den Baum herum. „Wir sind ja größer, als der Weihnachtsbaum!“ „Cooool!“

Kathrin und Bernd backten Kekse. Kathrin schaute ihn an: „Schatz, könntest du mir eventuell mal die Milch reichen.“ Bernd, der vertieft auf sein Handy starrte, reichte ihr die Milch ohne ihr weiter Aufmerksamkeit zu schenken. Sie liebte es mit ihm Plätzchen zu backen. „Kannst du mir bitte helfen sie auszustanzen?“ Lustlos griff er nach der Plätzchenform und fing an sie auszustanzen. Die Weihnachtszeit war ihre Lieblingszeit und sie liebte es, diese Zeit mit Bernd zu verbringen. „Fertig!“, rief Bernd und entfernte sich aus der Küche ins Wohnzimmer. Kathrin bereitete alles vor, heizte den Ofen vor und ließ die Schokolade schmelzen. Sie griff nach der Hundeleine und ging ins Wohnzimmer. „Ich gehe mit dem Hund Gassi, schau bitte nach den Plätzchen Schatz.“ Er brachte nur ein stumpfes Brummen hervor, aber schaute sie nicht an. Es dauerte nicht lange, bis es wieder klingelte. Bernd sprang auf, in der Hoffnung sein Paket in Empfang nehmen zu können, jedoch verlor er seine Freude, als er Kathrin vor der Tür sah. Sie roch sofort die verbrannten Plätzchen.

 

 

Familie Pritchett fuhr gerade auf dem Parkplatz vom Einkaufszentrum. Gerade angekommen ging es schon los in das Paradies jeder Person. Im Einkaufszentrum drinnen staunten die Kinder nicht schlecht. Das Einkaufszentrum war von oben bis unten voll mit Weihnachtssachen. Die Decke ähnelte einem Palast. Begeistert von der ganzen Dekoration stürmten die Kinder los und guckten sich alles an, nur die Mutter hatte ein komisches Gefühl. „Den Wievielten haben wir heute?“, fragte sie. „Ich glaube den 23“, antwortete der Vater. Bis sich beide mit großen Augen erschrocken anguckten. „BALD IST SCHON WEIHNACHTEN! WIE KONNTEN WIR DAS NUR VERGESSEN?“. Panik brach bei der Familie Pritchett aus, bis die Mutter sich ein Herz fasste und die Lage beruhigte.
„Ok Familie Pritchett, ein Plan muss her, wir müssen es heute schaffen, noch alles zu erledigen: Geschenke kaufen, Tannenbaum besorgen und Deko habe ich zu Hause. Wir teilen uns auf. Phil du und die beiden Jungs besorgt den Baum, irgendwo muss es noch einen geben. Anna und ich besorgen alle Geschenke. Wir brauchen nämlich alle noch auch für die Verwandtschaft. Auf geht’s!“ Die Familie teilte sich auf und los ging es. Vater und Söhne waren nun auf dem Weg den Baum zu besorgen. Mutter und Tochter schnappten sich einen Einkaufswagen und rannten durch das Zentrum. Das Zentrum war so groß und bestand aus tausend Regalen, dass sie alles gefunden haben, was sie auf der Liste hatten. Beim letzten Punkt auf der Liste angekommen, gingen die beiden zuversichtlich auf das letzte Geschenk zu. Bis ihnen im Augenwinkel ein Mann das letzte vor der Nase wegschnappte. „Das war es dann wohl“ „Wie jetzt? Wir geben auf Mama?“ „Wo sollen wir denn jetzt noch das Geschenk herbekommen, dann gebe ich einfach eins von meinen ab.“

Daraufhin traf sich die Familie bei ihnen zu Hause und dekorierten, schmückten und backten im ganzen Haus.                                                                           

Am nächsten Tag war es dann so weit. Heiligabend war gekommen, die Geschenke waren eingepackt und lagen unter dem Baum und das Essen war auch schon bereit. Als dann die Bescherung bevorstand, war der Familie mulmig zu Mute, da das Geschenk der kleinen Nichte fehlte. Bis die Mutter bemerkte, dass ein Geschenk mehr unter dem Baum lag. Das Geschenk was noch fehlte war da! Familie Pritchett war überrascht, ließ sich aber nichts gegenüber den Verwandten anmerken. „Das muss das Wunder von Weihnachten sein!“

 

 

              Nur der eine Weihnachtswunsch

 

Es war soweit. Endlich konnte das 24. Türchen dran glauben. Endlich Ferien. Ich saß mit Mama am Frühstückstisch, Papa holte die Zeitung rein. Es roch verlockend nach Räucherstäbchen und nach Ofenfrischem Weißbrot. Papa kam mit einem kleinen in Weihnachtspapier eingepackten Päckchen wieder. Für Lukas stand drauf. Für mich. Warte doch bis wir heute Abend bei Oma sind sagte Mama. Ich wartete.

Nach dem Frühstück ging es mit der ganzen Familie in die Weihnachtsmesse, langweilig wie immer. Dieses Päckchen ging mir aber nicht aus dem Kopf. Wer sollte gerade mir zu Weihnachten ein Geschenk mit der Post schicken? Meine ganze Familie würde ja nach der Messe zu Oma kommen und meine Freunde würden es sicherlich nicht mit der Post verschicken. Komisch. Das Fest der Liebe und der Besinnlichkeit schallte es aus den Kirchenlautsprechern.

Später waren wir endlich bei Oma. Mama legte das kleine Päckchen zu den anderen Geschenken unter den Tannenbaum. Nachdem mein kleiner Neffe Das Licht, das goldne Licht vorgetragen hatte konnte ich es nicht mehr erwarten. Ich wollte endlich wissen was sich in diesem Geschenk verbirgt und von wem es kommt. Ich öffnete es. Ich fand einen Zettel. Ich wünsche dir ein frohes Weihnachtsfest und ich hoffe, dass wir uns bald noch einmal sehen. Frohe Festtage, dein Papa… Moment mal, mein Vater ist doch hier bei uns…?

Lukas, aufstehen, es ist Heilig Abend riss mich meine Mutter aus den Träumen.  Ich sprang auf und starrte auf meinen Wecker. Der 24. Dezember 2017. 9Uhr 21. Frohe Weihnachten Lukas. Hast du gut geschlafen? Dein Vater holt dich schon in 20 Minuten ab, du bist spät dran. Wir sehen uns dann in einer Woche wieder.

 Wäre es mal kein Traum gewesen…

 

 

Die Kufen kratzten über das Eis, während sie ihre Kreise zog. Die kalte Luft ließ ihren Atem in weißen Wölkchen vor ihr aufsteigen. Die Arme ausgebreitet für die Balance, eine Drehung, ein kleiner Sprung. Vielleicht sollte sie sich mal an eine Sitzpirouette wagen? Auf dem Eis war es fast wie Fliegen. Arme wie Flügel. Wind in den Haaren, wild zerzaust. Im Büro immer adrett gekleidet. Weiße Bluse zu schwarzer Hose. Die roten Bommeln ihrer Mütze flogen wie zwei Zöpfe neben ihrem Kopf. Der rosa Anorak hielt sie warm und die selbstgestrickten Handschuhe schützten ihre Hände vor Frostbeulen.

Die Uhr schlug eins. Mittagspause vorbei. Sie glitt zurück zum Rand der Fläche, an die Bande. Seufzend zog sie ihre Schlittschuhe aus und verließ den Käfig der Freiheit. Zurück ins Büro. Jacke, Mütze und Handschuhe ins Auto, die Haare kämen und zum Zopf binden. Weiße Bluse zu schwarzer Hose. Das nächste Meeting. Die Power Point Präsentation flackerte hinter ihr an der Wand. Sie schritt vor den Kollegen auf und ab. Nur ab und zu blitzten ihre roten Strümpfe auf.

 

„Letzter Aufruf für die Passagiere des Flugs EW182 nach Miami“, hallt es durch die Flughafenhalle. Menschen eilen in verschiedene Richtungen, kaufen eine Zeitung oder bummeln die letzte Wartezeit totschlagend in den Läden der Dutyfree Shops herum. Aus dem Lautsprecher über ihr trällert gefühlt zum hundertsten Male „Last Christmas“ und trotzdem wippt sie mit ihrem rechten Fuß mit, während sie ein Glas abtrocknet. Letztes Weihnachten hatte sie gearbeitet und auch das Weihnachten davor. Wenn ihre Schicht endet, würde sie sich etwas zu essen kaufen und eine Flasche Wein. Keinen teuren, aber einen süßen.

„Einen Latte Macchiato bitte!“ Keine Begrüßung. Sie hatte es längst aufgegeben, sich über die Unhöflichkeit der Menschen am Flughafen aufzuregen. Ruhig stellt sie das Glas in das Regal, nimmt ein anderes und bedient in gewohnter Betriebsamkeit die große Barista-Maschine. Das Mahlen der Bohnen unterbricht den Song bei „for the very next day“ und nachdem die Milch aufgeschäumt ist, verklingt das letzte „special“ des Refrains. Während sie Kakaopulver mit einer Sternenschablone auf den Macchiato streut, denkt sie an ihre Pizza. Funghi mit Knoblauch.

„Vier Euro zwanzig!“ Das Geld wird auf die Theke geknallt, der Kaffee wechselt den Besitzer und aus den Boxen dringt „a man undercover but you tore him apart“. Sie sortiert das Geld in die Kasse und überlegt, wie es gewesen wäre, wenn der Mann mit ihr geredet hätte. Wie es wäre, wenn sie special wäre. Sie leert den Behälter mit den Bohnenresten aus und wischt die Maschine sauber.

Während sie die Theke säubert, beobachtet sie die Menschen, die an dem kleinen Kaffeeladen vorbei kommen. Die meisten schauen eilig auf die Uhr. Vermutlich sind sie unterwegs zu ihren Familien, damit sie morgen Abend gemeinsam Weihnachten feiern können. Der Mann mit dem komischen Hut und einem Teddy unter dem Arm würde morgen unter dem Tannenbaum mit seinem Sohn sitzen und Geschenke auspacken. Die Frau mit dem roten Mantel, die ihre Handtasche mit beiden Händen umschlossen hat, fährt sicherlich zu ihrem Mann, der ihr ein teures Collier schenkt. Und das alte Ehepaar mit den geschnitzten Gehstöcken ist bestimmt auf dem Weg zu den Enkeln. Dort würden unter dem Tannenbaum 50€-Scheine den Besitzer wechseln wie bei der Übergabe von Drogen: Heimlich und in die Hand gefaltet.

„Guten Tag! Ich mag den Flughafen, am liebsten die Ankunftshalle“. Wie in Zeitlupe dreht sie ihren Kopf zu dem Mann mit dem dunkelblonden, leicht verstrubbelten Haar. Ohne eine Antwort abzuwarten, lächelt er sie an und fährt fort: „Gerade um die Weihnachtszeit, da finden Familien wieder zueinander. Es wird viel gelächelt.“ „Was darf‘s sein?“, fragt sie in gewohnter, effizienter Geschäftstüchtigkeit. „Oh ja, stimmt.“ Der Mann lehnt sich lächelnd auf die Theke und studiert die Karte, die hinter ihr auf einer Schiefertafel aufgemalt ist. Überlegend zieht er die Augenbrauen zusammen. „Einen Kaffee und ein Stück Käsekuchen.“ Nichts Außergewöhnliches. Erneut unterbricht das laute Mahlwerk die Musik aus dem kleinen schwarzen Radio. Aus der Kühltheke hebt sie den gewünschten Kuchen heraus und schneidet ein Stück ab. Genormt. Ein Achtel. Mit einem Schokoweihnachtsbaum. Es war Weihnachten. Anweisung der Geschäftsleitung. Sie stellt den Kuchen und den dampfenden Kaffee vor ihm ab.

„Das sieht ja wundervoll aus! Danke!“ Über beide Ohren lächelnd nimmt er die Gabel in die Hand und beginnt den Kuchen von hinten zu essen. Sie beobachtet ihn mit hochgezogener Augenbraue. „Ungewöhnlich“, sagt sie. Er sieht auf, sieht wieder auf seinen Kuchen und zurück in ihr Gesicht. „Die Spitze ist das Beste. Ich esse das Beste immer zum Schluss!“ Unbestechliche Logik. Außergewöhnlich.

Sie überlegt ihre Pizza heute Abend auf die gleiche Weise zu essen. Aber sie mag den Rand am liebsten. Sie isst Pizza ganz normal. Geachtelt. Wie der Käsekuchen. Sie könnte die Pizza teilen. Wie wäre es wohl, wenn sie ihn einladen würde? Sie könnten auch essen gehen. Beim Italiener.

„Wie viel bin ich ihnen schuldig?“ „Sechs Euro dreißig.“ Weihnachtsangebot. Er gibt zehn. „Stimmt so! Weil Weihnachten ist!“ Sie müsste jetzt was sagen. Doch sie nickt nur. Er hat bestimmt eine Frau. Kein Happy End. Auch nicht weil Weihnachten ist. Maybe next year.

„Also dann!“, sagt er, geht aber nicht.

„Wollen sie mit mir ausgehen?“, hört sie sich in Gedanken sagen und beginnt zu lachen. Der Mann lacht mit und sagt:

„Wollen sie mit mir ausgehen?“

Weil Weihnachten ist?

 

 

                                                    Die Plätzchen  werden geil

„Die Plätzchen werden geil“, sagte Felix und stach gespannt seine Plätzchen aus. Um ihn herum überall Lichterketten und Weihnachtskerzen. Es roch als würde der Weihnachtsmann höchst persönlich seinen herrlichen Duft im ganzen Haus verbreiten. Felix war voller Elan und wollte seiner Mutter zeigen, dass auch Er lecker nach Zimt schmeckende Kekse backen kann. Langsam zog ein leichter Geruch von Marzipan auf. ,,Ah, die auch noch“, erwiderte Felix und holte einige Marzipankartoffeln aus ihrer Verpackung und legte sie vorsichtig auf die noch rohen Plätzchen. Felix heizte den Ofen vor. „Jetzt ist es endlich so weit“, freute sich Felix und legte die Plätzchen vorsichtig als wären sie eine Bombe in den Ofen. Er verlässt die Küche. Wenig später passierte es. Es roch nicht mehr nach Marzipan oder Zimt, sondern eher wie eine tote Wildsau, welche man Monate lang sterben ließ und dann vor deiner Nase aufgeschnitten wird. „Scheiße!!!“, rief Felix und lief verzweifelt in die Küche. Die Atmosphäre veränderte sich schlagartig. Eine Trauer. Eine Schande. Ach was sag ich eine Tragödie. „Felix!“, schallte Es aus dem benachbarten Wohnzimmer. „Hohl das Schwein aus der Pfanne.“ Felix tat, was seine Mutter ihm befahl. Er blickte nochmal kurz in den Ofen und sah einen Engel. Er vernachlässigte das Schwein völlig und sicherte erst das Leben der Kekse. Die Sau läuft ja schließlich nicht weg“, dachte sich Felix. Feuer!!!!

 

Station Forks, Hauptbahnhof. Ausstieg in Fahrtrichtung rechts. Diese künstliche Stimme wie ein Tinnitus, den sie über eine Stunde nicht losgeworden ist. Immer wieder erinnerte sie Minerva wie aussichtslos diese Reise eigentlich ist. Obwohl Reise? Aussichtslose Suche würde es eher auf den Punkt bringen und hier war sie. In Forks. Die Endstation der Fahrt aber ihrer Suche ganz bestimmt nicht. Eigentlich war es ihr ja ganz recht, ansonsten wäre sie irgendwann noch auf der anderen Seite des Ärmelkanals herausgekommen. Wäre aber auch ganz erfrischend gewesen, wenn es nicht gerade Weihnachten wäre. Denn Weihnachten ist überall gleich. Herzlichkeit, Freundlichkeit und, achja wie konnte sie das vergessen… Familie. Wie sie es hasste. Wie sie sich selber belog. Denn jedes Mal wenn sie nach links Richtung Bahnsteig sah, hätte sie heulen können. Eine Mutter, die ihre erwachsene Tochter in die Arme schloss, eine Großmutter, die ihren Enkeln ein Geschenk in die sehnsüchtig wartenden Hände legte. Schnell weg hier. Sich selber die Wahrheit zu verheimlichen war halt doch einfacher. Schon halb zwei. Nicht, dass sie es eilig hatte, aber sie wollte etwas tun, um wenigstens irgendwie diese Zugfahrt zu rechtfertigen und das am besten noch bevor alle Geschäfte zumachten. Buchladen, Drogerie, Juwelier. Juwelier gefiel ihr. Wie eine Elster stürzte sie sich normalerweise auf alles, was glänzt. Nur, dass sie leider im Gegensatz zur Elster, ihrem Portemonnaie mit jedem neuen Stück einen Hieb versetzte. Wenige Momente später stand sie auch schon zwischen glitzernden Diamanten und noch mehr Momente später spazierte sie zwischen den Theken und Regalen mit Modeschmuck umher. Diamanten waren nun mal einfach eine Liga zu hoch für sie, wie sie selber zugeben musste. Eigentlich wusste sie ja auch, dass ihr solche Geschäfte nicht gut taten. Allerdings sah die Frau, mit der sie im nächsten Moment zusammenstieß, so aus, als hätte sie das Glück hier öfters zu verbleiben. Sie sah sie mit einem Blick an, der Minerva wütend gemacht hätte, wäre ihr nicht der Gedanke eines Déjà-Vus in den Kopf gekrochen. Die Frau wendete ihren Blick ab und ging weiter. Minerva tat es ihr gleich. Ein nicht zu überhörbarer Gong. Schon drei Uhr. Direkt unter der Uhr befand sich der Eingang einer Buchhandlung. Olivander´s. Schöner Name. Passte auch ausgesprochen gut zu der kleinen, ja man konnte schon fast sagen Rumpelkammer, die einem mit ihrem altmodisch, melancholischen Flair schon beinahe magisch anzog. Als könnten einem die Bücher, welche quer durcheinander gewürfelt in den Regalen standen, Geheimnisse verraten und Erinnerungen zurückbringen. Harry Potter, Per Anhalter durch die Galaxis, die Reise bis zum Mittelpunkt der Erde, Alice im Wunderland. J.K.Rowling, Douglas Adams, Jules Verne, Lewis Caroll. Alles Klassiker und alles Bücher, die ihre Schwester und sie geliebt hatten. Als Minerva durch die Regale blickte, sah sie wieder diese Frau. Diese blickte beinahe mit dem gleichen sehnsüchtigen Blick durch das Schaufenster des Buchladens, in dem sie Bücher als Quelle für die einzigen Erinnerungen nutzte, die ihr von dem Wort Familie blieben. Sie konnte sich kaum mehr an Gesichter erinnern. Nur an die Wärme, die ihr Herz erfüllt hatte, wenn ihre Mutter ihr und ihrer Schwester Geschichten erzählte. Ach ja und sie wusste noch genau, dass ihre Schwester jetzt eine Narbe am Ohr haben müsste, da Minerva mal ausversehen mit einer Kerze drangekommen war. Mit einem weiteren Gong hörte das Schwelgen in Erinnerungen auf. Die würden ihr sowieso weder ihre tote Mutter zurückbringen, noch die Adoption rückgängig machen, welche sie und ihre Schwester damals für immer trennte. Als sie nach draußen schaute, sah sie eine Parfümerie. Der öde und völlig nutzlose Einkauf würde sie schon wieder dazu bringen, ihren Schutzwall aus Selbstbelügungen aufrechtzuerhalten. Weiße Regale mit Beleuchtung. Hübsch. Und überall frohlockende Weihnachtsmusik. Chanel No°5.Der Griff ins Regal. Doch anstatt einen kalten Glasflakon zu spüren, spürte sie eine warme Hand. Der Blick ins Gesicht. Zunächst Ärger und Wut. Dann plötzlich mit einer Erkenntnis füllte sich ihr Herz wieder mit Wärme. Braune Rehaugen. Dieser allzu bekannte Gegensatz zu ihren eisig blauen. Das Ohr. Die Narbe und die Einladung zum Essen. Ihr Puls wie ein Weihnachtsorchester, ihre Freude leuchtend wie ein Stern und ihre Leere verschwand wie die Gänse aus den Regalen der Geschäfte. Eine Stunde später. J.K.Rowling, Douglas Adams, Jules Verne und Lewis Caroll lagen eingepackt und verziert in ihrer Tasche. Chanel No°5 auch. Sie brauchte ein Taxi. Es wurde immer eisiger und immer dunkler. Sie hasste Schnee und Winter schon immer. Ihrer Meinung nach waren sie Vorboten des Leidens. Jetzt mochte sie beide nur nicht besonders, denn ihre Freude war zu groß. Selbst die überteuerten 22.12€, welche sich der Taxifahrer schon auf der Hälfte der Strecke laut des Zählers verlangte, konnte sie nicht trüben. Die Straßen waren allerdings in der Zwischenzeit immer weiter zugeschneit worden und der Schneesturm konnte sich nun auch nicht mehr verbergen. Trotzdem noch zwei Straßen und sie würde glücklich sein. Sie lächelte. Dann ein schlitternder Lastwagen auf der Spur. Quietschen. Ein Knall.12 Herzschläge und dann Leere in ihrem Herzen für immer.

 

 

 

Die letzten Vorbereitungen für das Weihnachtsmahl hatte sie nun beendet. Als sie auf die Uhr schaute, merkte sie, dass sie sich beeilen musste. An Heiligabend machten die Geschäfte früh zu. Mit dem Auto beschleunigte sie von 0 auf 100 km/h, um schnell zum Einkaufszentrum zu gelangen. Das Wetter war ihr egal, obwohl es stark schneite.
Dort angekommen, lief sie ins erste Geschäft. Ihr war schwarz zumute, das einzige Geschenk, das sie holen konnte war eine für sich selbst. Warum? Sie hatte keine Familie, noch nie. Oder doch?
Sie hatte eine Schwester. Mit einem Muttermal unter dem rechten Auge.
Sie ging jetzt ins nächste Geschäft. Beim Schlendern durch die Regale war sie kurz abgelenkt und stieß gegen eine andere Person. Als sie die Person anblickte, dachte sie kurz, sie würde sie kennen. Dann ging sie aber weiter. Sie hatte keine Zeit zu verlieren, sagte die Uhr ihr immer wieder. Sie war auf der Suche, doch suchte sie nichts.
Auf dem überfüllten Gang sah sie wieder diese Person. Ihr Bauch fühlte sich wie ein Unwetter an. Sie ging in eine Parfümerie. Wenigstens einmal sollte sie sich etwas Teueres kaufen können. Sie wollte ein Parfüm greifen, als aus dem nichts eine andere Hand das Parfüm nahm. Und wieder. Diese Person.
Diese eine Person. Warum? Sie sah sie an. Ganz genau. Auf einmal fiel es ihr auf. Unter dem rechten Auge. Ein Muttermal. Sie war nicht alleine mit ihrer Erkenntnis. Die Person schien auch dieselben Gedanken zu haben. Ein See aus Tränen sammelte sich unter ihnen. Sie hatte gefunden, wonach sie suchte? Das Einkaufszentrum schloss in wenigen Minuten und auf Zusage ihrer wiedergefunden Schwester lud sie diese zum Festessen ein.
Als sie wieder zu Hause war, machte sie das Radio an. Die Zeit verging im Flug und bald war es nur noch eine halbe Stunde bis zum Essen. Alles war vorbereitet.
Plötzlich kam im Radio eine Sturmmeldung, dass ein starker Schneesturm ihre Stadt erreicht hatte, man solle lieber im Haus bleiben. Nun machte sie sich Sorgen. Hoffentlich würde ihrer Schwester nichts zustoßen. Sie hatte sie endlich gefunden. Sie hatte gewartet Jahre, Jahrzehnte, Jahrhunderte. Ein Sturm konnte sie doch nicht auseinander bringen.
Wieder brachte das Radio sie durcheinander, als im Radio gesagt wurde, dass es schon Tote gibt. Sie seien auf der Straße verunglückt.
Sie hatte das fette, saftige Ding voll abgekriegt. Das schöne weiße Kleid nun in einem fettigen Orangeton. Stille.

 

                                                        Die PUTE
Mit dem Wort Essen kamen meine zwei Brüder an Heiligabend ins Wohnzimmer getrampelt. Meine Mutter ist fast ausgeflippt. Sie wäre so richtig im Dreieck getickt, wenn meine Oma nicht wäre. Oma ist echt alt, so um die 150, denk ich mal. Mama sagt, sie möchte sie nicht mit Aufregung konfrontieren. Ach Mama. Egal. Wegen des ADHS-mäßigen Verhaltens meiner Brüder müssen sie meiner Mutter helfen. Ohne Aufsehen habe ich mich schön rausgewaschen, da ich meinen Brüdern verklickert hab, dass es schon Geschenke gibt. Aber ich konnte ja nichts dafür, jedes Kind weiß doch, dass es Geschenke erst am Abend, nach dem Essen gibt. Dummheit. Ich saß also jetzt schön am Tisch und quatschte, während meine Brüder schuften mussten. Endlich, Essen fertig. Leider hörte ich meinen Name in der Küche. „Simon“, schon wieder, ich also in die Küche rein. Meine Mutter nur am Deuten, ich hab‘s aber kapiert, bin ja nicht blöd oder so. Ich sollte das Essen auf den Tisch tragen. Geil. Jedoch besser als Kochen und Spülen. Ich bin so geschätzte eine Trilliarden Male hin und her gegangen. Alle saßen am Tisch und ich kam mit der geilen Pute. Wir essen nämlich keinen Truthahn sondern ne fette Pute. Also ich kam und alle guckten. Jedoch nicht lang. Mein behinderter Bruder musste natürlich seine Schuhe mitten im Weg stehen lassen. Geil.
Und dann… Und dann… Und dann war das Tablet plötzlich leer. Der Schrei einer Pute? Nein, das Lachen meiner Oma.

 

 

Da stand sie. Mit einem breitem Lächeln im Gesicht mitten im Kaufhaus. Es war laut. Überall Menschen und sie mittendrin. Mit großen Augen ging sie in die Geschäfte. Auf der Suche nach Geschenken. Sie mochte es Geschenke zu kaufen. Ihr schönes Gefühl die anderen Familien zu sehen und zu wissen wie glücklich alle in dieser Zeit waren. Sie starrte in ein Schaufenster. Sie sah sich. Sich mit Geschenktüten. Ihre Augen starrten sich selbst an. Neben ihr stand ein kleines Mädchen. Das Mädchen starrte auch ins Schaufenster, genau wie sie. Die Frau guckte das kleine Mädchen an und erinnerte sich an ihre Zeit. Ihre Gedanken schwebten in ihrer Kindheit umher. Weihnachten, das war was sie immer mochte. Am liebsten mochte sie es, die Gesichter zu sehen von den Menschen, die sie beschenkt hatte. Sie sah sich. Sich als 15 jährige wie sie ihren Eltern etwas schenkte. Dann ihre Gesichter, kein Lächeln. Sie hörte nur noch ein dumpfes „Danke…“ in ihren Ohren rauschen. Niemand hatte sich je über ihre Geschenke gefreut. Etwas knallte. Sie riss ihre Augen auf. Ihre Tüten mit den Geschenken waren ihr aus den Händen gerutscht. Eine Träne rollte ihr übers Gesicht. Traurig ging sie weiter. Auf der Suche nach Geschenken.

 

Die Atmosphäre, der gedeckte Tisch, der Weihnachtsbaum, Daniel… Alles war perfekt.  Es lag ein Duft von Lebkuchen und der goldbraunen Weihnachtsgans, die auf dem Tisch stand, in der Luft. Und dort saßen sie. Daniel und sie. Ach was war sie verliebt. Sie liebte ihn so sehr und es beruhte auf Gegenseitigkeit. Zusammen aßen sie die Weihnachtsganz während im Hintergrund Last Christmas lief. Last Christmas I gave you my heart. Es war ihr Song. Letztes Jahr haben sie an Weihnachten geheiratet.    Sie weiß noch ganz genau, wie ihr Vater sie zum Altar brachte. Es waren so schöne Erinnerungen. Irgendwie schmerzte diese Erinnerung. Er guckte sie besorgt an, denn sie hatte ihr Gesicht verzogen, als sie an den Gang zum Altar dachte. Sie lächelte ihn an. Er lächelte zurück und sagte ihr wie sehr er sie liebte. Lang ist es her, dass sie so eine gute Ganz gegessen hat. Daniel holte ein flaches, kleines Paket. Es war so liebevoll eingepackt und sie freute sich. Und wie sie sich freute. Seine weichen Hände reichten ihr das Paket entgegen. Langsam und behutsam öffnete sie die pinke Schleife. Pink ist ihre Lieblingsfarbe. Hervor kam ein Bild in einem Bilderrahmen. Es war ein Foto von ihr, Daniel und ihren Eltern. Ein tiefer, stechender Schmerz in ihrem Herzen, war alles was sie fühlte. Sie wusste nicht wieso. Sie verzog das Gesicht. Daniel fragte sie ob ihr das Geschenk nicht gefällt. Nein das war es nicht. Es war ein schönes Bild. Wirklich. Sie hatte keine Ahnung wieso es ihr so wehtat. Also antwortete sie mit nein und lächelte. Daniel nahm ihre Hand. Sie spürte wieder diese weichen Hände und ihre Welt war wieder in Ordnung. Da standen sie nun. Sich liebend. Sich zärtlich streichelnd. Daniel zog sie an sich ran. Ganz liebevoll. Ganz behutsam. Sie guckten sich tief in die Augen. Alles. Alles war toll. Sie küssten sich. Ihre Hand strich durch sein blondes, volles Haar. Sie hatte Gänsehaut.

MEEEEEEEP. Der vorbeifahrende Bus riss sie aus ihren Gedanken. Alles. Alles war weg. Sie öffnete ihre Augen. Sie war enttäuscht. Der Blick auf die längst leere Straße ermüdete sie. Sie dachte an das, was sie hätte haben können. An das, was der Tod ihr genommen hatte. Es war kalt. Sie hatte Hunger. Es war zu kalt. Sie war am Verhungern. Der Duft von Lebkuchen und Weihnachtsgans stiegen ihr in die Nase. Langsam schlossen sich ihre Augen. Alles. Alles was sie sah, war ein helles Licht.

01. Dezember 2017 Autor:  Martin Dieckmann 0 Kommentare

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