Zeitzeugen aus dem Irak und Syrien besuchen den GEP-Kurs

„Das kleine Boot mit 36 Menschen ist umgekippt. Wir waren alle im Wasser, unter Wasser, die Schreie, es war traumatisierend. Hinter uns war ein griechisches Schiff, das rettete uns“, erzählt Roonak Aziz, eine Kurdin aus dem Irak. Sie ist mit ihren beiden Kindern, damals vier- und fünfjährig, über das Mittelmeer nach Europa geflüchtet und lebt jetzt in Düren. In unserem GEP-Kurs berichtete sie als Zeitzeugin von ihren extremen Erfahrungen. Im Irak lebte sie zunächst unter der Diktatur von Saddam Hussein, der das kurdische Volk unterdrückte. Er ließ foltern und töten. Saddam Hussein war unberechenbar, griff auch den Ort an, wo Frau Aziz einst als Lehrerin zu Hause war: „Eine Bombe explodierte vor dem Erdgeschoss. Auf der Straße lagen dann viele Verletzte. Füße weg, Hände weg, Augen weg.“ Sie selbst wurde an der Hand verletzt. „Die Haut war schwarz und taub.“ Lange Zeit blieb die Hand gelähmt. „Was muss man machen ? Warten ?“ Ihr Mann entschied sich, im Untergrund zu kämpfen, sie selbst bezeichnet sich als „Kämpferin für Menschlichkeit“.

Diese wurde den Kurden auch nach dem ersten Irakkrieg der Amerikaner und einer Revolution nicht zuteil. Es gab lange Zeit keine Hilfe, „Brot war sehr teuer“. „Man konnte die tägliche Angst spüren“, dies galt unter Saddam und auch später, zum Beispiel 2014, als der IS nah an die Stadtgrenzen heranrückte. Als Frau Aziz ihre kleinen Kinder hatte, entschied sie sich zur Flucht. In Deutschland kam sie in ein Flüchtlingszentrum in Lüdenscheid. Die Zustände seien erschreckend gewesen, die Familie habe sich eine Ein-Raum-Wohnung mit Kakerlaken geteilt. Geschlafen hätten sie in einem Hochbett. Inzwischen in Düren fühlt Frau Aziz sich aber sehr wohl. Ihr Beruf ist ihr sehr wichtig. Sie arbeitet als Beraterin bei „Goldrute e.V. Migrantinnen-Netzwerk gegen häusliche Gewalt“ und ehrenamtlich als Vermittlerin für Kurden aus dem Nordirak sowie als Übersetzerin.

Einige Wochen später kam noch ein weiterer Zeitzeuge, Ali Al Bakr aus Syrien. Als Beamter hat er am Flughafen Damaskus gearbeitet, aber als der syrische Bürgerkrieg begann, hat Assads Luftwaffe das Stadtviertel, in dem er lebte, bombardiert und sein Haus sei zusammengestürzt. Als Flüchtling fand er sich in einem großen Zeltlager in Jordanien wieder, „es gab dort keine Schule für meine fünf Kinder.“ So machte auch er sich auf den Weg über das Mittelmeer. „Im Schlauchboot fiel der Motor aus. Es trieb zurück. Einige Flüchtlinge versuchten es schwimmend anzuschieben.“ Eine verzweifelte Aktion, bis ein deutsches Militärschiff sie herausholte und nach Griechenland brachte. Der weitere Weg über den Balkan nach Deutschland war abenteuerlich mit vielen nächtlichen Fußmärschen durch Wälder abseits der Kontrollen.

Nun ist Ali Al Bakr in Kreuzau und hat dort Freunde gefunden. Luna Badur aus unserem Kurs hilft den zwei Söhnen bei den Hausaufgaben, ihr Vater ihm selbst beim Deutschlernen und Mietangelegenheiten. Und auch die Nachbarn kümmern sich, haben den Kontakt ursprünglich auch hergestellt. Ali Al Bakr ist zuversichtlich, den Integrationskurs erfolgreich abzuschließen und dann als Maler zu arbeiten.

Roonak Aziz und Ali Al Bakr, zwei Menschen, die ihre jeweilige Heimat wegen Krieg und Hunger verlassen mussten, aber hier eine neue Heimat gerade finden oder schon gefunden haben. Uns hatte bei Frau Aziz auch interessiert, ob sie eigentlich für oder gegen die Kriege war, die die USA gegen den Irak und den schlimmen Diktator Saddam Hussein 1991 und 2003 geführt hatten. Darauf hat sie klar und deutlich geantwortet: „Krieg ist niemals gut.“ Für uns waren die Erzählungen von Frau Aziz und Herrn Al Bakr sehr ergreifend. Wenn man es nur auf Arbeitsblättern zu lesen bekommt, nimmt es einen nicht so mit, als wenn jemand vor einem steht, der den Krieg und die Flucht mitsamt den Toten miterlebt hat.

Luna Ida Badur, Christina Deligiannidou, Sophie Anna Dohmen, Joachim Kohnen (Lehrer), Marius Valter, Aaron Wälde und Tom Weiler (GEP Jahrgangsstufe 8)

Nachtrag: Vor einigen Tagen mailte Frau Aziz uns Folgendes: „Schätzt eure Möglichkeit auf Bildung. Auf unseren Wegen werden wir durch Schule, Beruf und Umfeld geprägt. Vergesst dabei nie menschlich zu sein und achtet die Menschenrechte. Glück sollte nie auf Unglück der anderen beruhen. Keiner verlässt seine Familie und Heimat freiwillig, damit auf ihn herabgeschaut wird, man sich einsam fühlt, bis man neue Wurzeln fasst. Eine Hand hilft der anderen. Danke für euer Interesse. Danke Danke.“

 

08. März 2019 Autor:  Wolfgang Arnoldt 0 Kommentare

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