Erst auf der Bühne wird der Text zum Stück

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Düsseldorf. Dass Schüler freiwillig ins Theater gehen, ist selten. Dass sie
aber sogar bis nach Düsseldorf fahren, um sich ein Stück, das sie im Theater
Aachen bereits gesehen haben, noch einmal in der Uraufführungs-Inszenierung
anzuschauen, ist fast undenkbar.

Am Samstag straften Schüler aus Kreuzau, Eschweiler und Aachen alle
Kulturpessimisten Lügen: Sie folgten der Theaterpädagogin Katrin Eickholt ans Schauspielhaus Düsseldorf, um sich erneut «norway.today» anzusehen.

Clou des Abends: Nach der Vorstellung trafen sich nicht nur die Darsteller aus
Aachen und Düsseldorf zum Gespräch, sondern die Schüler konnten sie zu den höchst unterschiedlichen Inszenierungen befragen.

Da saßen sie nun zu später Stunde und in großer Runde im Nachtcafé des
Düsseldorfer Schauspielhauses und lauschten Aylin Esener und Niels Kurvin vom
Theater Aachen und deren Düsseldorfer Rollenkollegen Birgit Stöger und Christoph Luser.

Seit zweieinhalb Jahren spielen Stöger und Luser am Schauspielhaus bereits die
Julie und den August in «norway.today». Der junge Schweizer Igor Bauersima hat
den beiden Darstellern sein Stück, in dem sich zwei junge Menschen im Internet
zum Selbstmord verabreden, dann aber an der Kante zu einem norwegischen Fjord
um den Vollzug der Tat ringen, auf den Leib geschrieben und es selbst in der
Landeshauptstadt uraufgeführt.

Am Samstagabend haben die Figuren seiner Inszenierung zum 68. Mal die Nähe zum
Tod gesucht und auf der Kippe gestanden – und das im wahrsten Sinne des Wortes:
Im Kleinen Haus lässt Bauersima Julie und August auf einer schrägen Platte
spielen, deren Schwerpunkt sie kippen können – umgeben von steilen Abgründen
ringen sie um die Waage zwischen Todessehnsucht und Liebe zum Leben.

Auch sonst hat Bauersima sein eigenes Stück – naturgemäß – 1:1 umgesetzt:
Überall liegt Schnee, für die Nacht steht ein Iglu-Zelt auf der Platte, und die
Darsteller arbeiten mit Videokameras. All das gibt es in der Inszenierung im
Aachener Mörgens von Ali M. Abdullah nicht.

Reichlich Gesprächsstoff für einen spannenden Dialog: «Ihr habt keine Klippe,
keine Videokamera, kein Zelt – was habt ihr dann?», fragt die Düsseldorfer
Julie irritiert. «Die Klippe ist bei uns in den Köpfen», antwortet der Aachener
August.

Niels Kurvin gibt aber auch zu, dass er und Aylin Esener sich zu Beginn der
Proben heftig mit ihrem Regisseur darüber gestritten haben, wie sie ohne
Abgrund die Dramatik des Stückes herstellen sollen. «Uns fehlte die emotionale
Höhe», gibt Esener zu.

Als Ersatz fand Abdullah Steckdosen und Plastiktüten, die ebenso
lebensbedrohlich sein können. «Ihr müsst euch das mal angucken kommen», fordert
Kurvin die Kollegen auf, die prompt nach den nächsten Aufführungsterminen
fragen.

Die Schüler kennen bereits beide Stücke. Das Bühnenbild in Düsseldorf finden
ie «auf jeden Fall überzeugender», aber die Charaktere sind für sie in Aachen
glaubwürdiger, konsequenter: «Bei der Julie in Aachen zweifelt man nie, dass
sie sich wirklich umbringen will, die in Düsseldorf ist ein einziges Rätsel.»

Aber jetzt, wo sie schon mal den Regieassistenten von Igor Bauersima, Daniel
Rademacher, vor sich haben, lässt sich die Verwirrung ja sicher leicht
aufklären: «Wie hat Bauersima selbst die Julie denn gesehen?»

Rademacher antwortet: «Bauersima wollte aufdecken, dass Julie und August keinen
Grund außer Überdruss und Müdigkeit für ihren Selbstmord haben. Sämtliche
Selbstmordgedanken sind ein fake – aber das merken sie erst ganz zum
Schluss.» Genau das äußert sich offenbar in der rätselhaften Julie, die nie
genau weiß, warum sie sich eigentlich umbringen will, und es am Ende auch nicht
tut.

Die Aachener Inszenierung hat sich gegen dieses Happyend entschieden. «Die
Personen, die die Vorlage zu dem Stück geliefert haben, haben sich in
Wirklichkeit doch umgebracht», erläutert Kurvin.

Deswegen bleibt das Ende in Aachen offen, ein Selbstmord ist nicht
ausgeschlossen – was Julie von Anfang an todessehnsüchtiger erscheinen lässt.

Das Lernziel bei den Schülern ist erreicht: «Wir haben zwei verschiedene Stücke
gesehen.» Eine Stunde dauerte der Austausch der Theatermacher und neugierigen
Theaterbesucher über das Entstehen von zwei Theaterstücken aus einer Vorlage.
Stellvertretend für alle bedankte sich der Kreuzauer Lehrer Christian Ebbertz
dafür, «dass wir etwas so Außergewöhnliches erleben durften».

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16. Januar 2003 Autor:  Martin Dieckmann 0 Kommentare

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