Holocaust-Überlebender berichtete über die nationalsozialistische Judenverfolgung

Geschichte aus erster Hand können Zeitzeugen unseren Schülerinnen und Schülern am besten vermitteln. Deshalb lädt die Fachschaft Geschichte Zeitzeugen ein, von ihren Erlebnissen zu berichten – zuletzt Helmut Clahsen, der über die Zeit der nationalsozialistischen Diktatur berichtete. Eine Teilnehmerin aus dem Zusatzkurs Geschichte von Bernd Maurin in der Jahrgangsstufe Q2 berichtet.

Von Maike Schick

Und alle Schüler schweigen – dieser seltene Zustand herrschte am 17. September 2013 im Forum des Gymnasiums der Gemeinde Kreuzau, als der Zeitzeuge Helmut Clahsen von seinen Erinnerungen an den Nationalsozialismus berichtete. Die Zuhörer schrieben ihre Eindrücke auf.

Als der Mann den Raum betritt, sieht man ihm gar nicht an, wie schockierend die Geschichten über das sein werden, was er in seinem Leben erfahren musste. „Ich bin 1082 Jahre alt, […] denn ich habe das 1000-jährige Reich überlebt.“ So beginnt sein Vortrag und ab diesem Moment ist es mucksmäuschenstill. Seine Familie besteht 1933 aus 72 Verwandten. Nach der Herrschaft Hitlers sind es noch fünf. Einer der Überlebenden, sein Onkel, nimmt sich Jahre später das Leben, da er die Bilder in seinem Kopf nicht mehr aushält. Doch wer würde es auch schaffen, wie zuvor weiterzuleben, wenn man mehrere hundert Leichen verbrennen musste, sogar seine eigenen Verwandten? Clahsens Mutter, die er sehr liebt, wird mit Tuberkulose infiziert, einfach so, zu Versuchszwecken. Später wird sie in einem Konzentrationslager (KZ) getötet.

Helmut Clahsen gelang in Sekunden, was Lehrer manchmal 70 Minuten lang nicht schaffen: Völlige Stille seines aufmerksamen Publikums.

Helmut Clahsen gelang in Sekunden, was Lehrer manchmal 70 Minuten lang nicht schaffen: Völlige Stille seines aufmerksamen Publikums.

Leider ist das längst nicht alles. Clahsens Vater erhält einen Brief, indem es heißt, er würde seines Amtes verwiesen, wenn er seine „Judenschlampe und deren Bastarde“ nicht verlassen würde.

Ich kann immer noch nicht verstehen, wie man so grausam und engstirnig sein kann. Insgesamt habe ich durch den Besuch des Zeitzeugen an unserer Schule viel erfahren, was ich vorher nicht wusste. Das macht es mir aber keineswegs leichter, alles nachzuvollziehen. Zum Beispiel wurden in Auschwitz jeden Tag Listen erstellt, auf denen Stand, was den Juden und anderen Gefangenen an diesem Tag alles abgenommen werden soll. Schließt man von der Zahl der Gegenstände auf die Zahl der Gefangenen, sind an einem Tag 10.000 Menschen gestorben. Eine Zahl, die für mich unvorstellbar ist.

Außerdem hoffe ich, dass es in der heutigen Zeit unmöglich sein wird, Gesetze durchzusetzen wie „Die Kunst hat judenfrei zu sein“ oder „Lehrer dürfen keine jüdischen Kinder unterrichten“. Oder die Bestimmung, die den Ausgabetermin für Lebensmittel an Juden auf den Freitagnachmittag legt, wenn Juden aufgrund des Sabbats keine Geschäfte aufsuchen dürfen. Ich frage mich immer wieder, wie all diese Menschen dieses unmenschliche Verhalten für gut halten konnten.

Aber es gab auch kleine Lichtblicke. Ein SS-Mann organisierte ein Versteck für Helmut Clahsens Oma. Franziskus-Schwestern und Bauern in Belgien verstecken den kleinen Helmut und andere jüdische Kinder. Leider wird der SS-Mann später von der „Hexe“, deren Verbindung von Christentum und Nationalsozialismus ich für völlig verwerflich halte, verraten und in Folge dessen erschossen. Die „Hexe“ ist die Tante von Helmut Clahsen, die ihn und seine Geschwister an die Nazis ausliefern will, weil sie Hitler für den von Gott gesandten Messias hält. Auch die Oma wird später in einem KZ getötet und alle Verstecke weiterer Verwandter werden früher oder später gefunden. Wie Helmut überleben kann und woher er die Kraft nimmt, so offen darüber zu sprechen, weiß ich nicht. Aber ich weiß, dass es mich sehr beeindruckt hat.

 

 

09. Oktober 2013 Autor:  Martin Dieckmann 0 Kommentare

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